Allgemein, Arbeitswelten

Der Gleichstellungsbeauftragte

Wenn es um Gleichberechtigung und Rollenverteilung geht, liegt man nicht falsch mit der Behauptung: Je nördlicher, je fortschrittlicher. Nun hat das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein (nicht als erstes Gericht) zwischen Skandinavien und dem Rest von Deutschland den Riegel vor die moderne Auffassung von Gleichstellung geschoben. Zu Recht, so befand das Gericht, könne ein schwerbehinderter Jurist vom Bewerbungsprozess um die Stelle einer Gleichstellungsbeauftragten (sic!) ausgeschlossen werden. (1)

Die Ausschreibung war – entsprechend geltenden Gesetzen – noch neutral gestaltet: „Chancengleichheit von Frauen und Männern, Menschen mit Behinderungen und Bewerber/innen mit Migrationshintergrund sind für uns selbstverständlich.“ Das Gericht stellte allerdings fest: „Im Übrigen ist das weibliche Geschlecht für einen wesentlichen Teil der Tätigkeiten einer Gleichstellungsbeauftragten unverzichtbare Voraussetzung (…) Die Arbeit der Gleichstellungsbeauftragten sei vor allem zur „Beseitigung nach wie vor vorhandener struktureller Nachteile von Frauen“ notwendig.“ Während der zweiten Aussage – auch von einem Autor (männlich) – nichts hinzuzufügen ist, lässt der erste Satz doch sehr an unseren Gerichten zweifeln.

Ein Blick in die umfangreiche Literatur zu Führung und Management zeigt, dass es verschiedene Wege und Anreize gibt, um Ziele zu erreichen. Das Ziel der Gleichstellung (im Übrigen nicht nur von Frauen und Männern, sondern Nicht-Behinderten und Behinderten, mit und ohne Migrationshintergrund, Atheist und Christ, weitere Religionen, etc.) ist doch die Herstellung gleicher Bedingungen und Chancen für jeden – sofern das Gleiche geleistet wird. Also zum Beispiel: Gleiches Geld für gleiche Arbeit, gleiche Karrierechancen, gleicher Anteil auf allen Hierarchieebenen. Dieses Ziel – gesetzlich festgelegt – ist nicht zu hinterfragen und gehört in die Ziel-Leistungsvereinbarung einer Gleichstellungsbeauftragen.

Dann wird geschaut, inwiefern das Ziel bereits verwirklicht ist. Und tatsächlich gibt es Frauen, die für dieselbe Arbeit weniger Gehalt bekommen. Man stellt fest, dass bei den letzten Bewerbungsverfahren überwiegend Männer entschieden haben und auf vier Einstellungen von Männern nur eine Frau kommt. Ein Blick in das Organigramm zeigt: Je höher die Hierarchieebene, desto niedriger ist der Anteil von Frauen. Möglicherweise stellt man auch fest, dass noch nie eine Person mit Migrationshintergrund eingestellt wurde und in der Kantine nur Katholiken arbeiten.

Jetzt muss die Gleichstellungsbeauftragte Mittel und Wege finden, den erhobenen Status-Quo so zu verändern, dass das Ziel der Gleichstellung erreicht wird – deshalb die Ziel-Leistungsvereinbarung. Also: Gehälter überprüfen und ggfs. mit dem Betriebsrat und der Tarifkommission sprechen. Paritätische Besetzung von Auswahlkommissionen festschreiben und gerne auch Quoten für die Geschlechterverteilung auf den Hierarchieebenen festlegen.

Und jetzt frage ich mich: Warum sollte ein Mann als Gleichstellungsbeauftragter nicht seine Ziel-Leistungsvereinbarung erfüllen können? Interessant wäre es gewesen, wenn die Kindertagesstättenvereinigung XYZ mit 93% Frauenanteil die Stelle ausgeschrieben hätte. Männer wären vom Verfahren ausgeschlossen worden mit der Begründung: „Im Übrigen ist das weibliche Geschlecht für einen wesentlichen Teil der Tätigkeiten einer Gleichstellungsbeauftragten unverzichtbare Voraussetzung.“

(1) Nur Frauen dürfen Gleichstellungsbeauftragte werden, Spiegel-Online vom 11.01.2018: http://www.spiegel.de/karriere/schleswig-holstein-nur-frauen-duerfen-gleichstellungsbeauftragte-werden-a-1187353.html (Zugriff am 06.02.2018)

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