Allgemein, Erfolg mit Anstand

Mehr Visionen, mehr Erfolg, mehr Anstand!?

Mit dem Wort „Visionen“ hat man seit Helmut Schmidt in Hamburg Berührungsängste. (1) Streift man diese Berührungsängste ab, erleichtert „das Haben einer Vision“ eine Unternehmensstrategie und folgend das Managen und das Führen erheblich. Nicht umsonst steht am Anfang eines jeden Leitbild-Findungs-Prozesses die Frage nach Vision, Mission und Unternehmenszielen. Auch die Leitidee „(Wirtschaftlicher) Erfolg mit (unternehmerischem) Anstand“ ist so eine Vision.

Über die Leitbilder und resultierenden Unternehmenskulturen bei den Automobilherstellern haben wir in den letzten Jahren einiges gelernt. Auch wenn die derzeit bekannten Strafzahlungen eines Herstellers in den USA die Grenze von 20 Mrd. US-Dollar übersteigen, war die Hoffnung seit 2015 bei allen Verantwortlichen (also auch der Politik und den Behörden), dass es sich trotz der Summen um ein mikroökonomisches Problem handelt. Das Unternehmen ist stark genug, das Problem privatwirtschaftlich zu lösen: Ein Staatseingriff, wie in der Bankenkrise, ist nicht erforderlich. Auch das in Prüfung befindliche Autokartell ist eine Sache der Unternehmen. Mögliche Bußgelder sind zwar nicht schön, aber belasten nicht die Substanz der Unternehmen und gefährden nicht eine ganze Branche.

Doch langsam mehren sich die Stimmen, dass das Mikro-Beben vielleicht doch einen Makro-Tsunami auslösen könnte: „Das Autokartell ist (…) weit mehr als ein kartellrechtliches Delikt: Es ist ein klarer Indikator dafür, dass Deutschland in der digitalen Transformation sowohl technologisch als auch in der Führungsverantwortung seiner Manager hinterherhinkt.“ (2) Statt Visionen für Mobilität zu haben und diese umzusetzen, wird mit allen Mitteln eine ganz sicher aussterbende Technologie (der Dieselmotor) verteidigt. Dabei ist es egal, ob diese Technologie derzeit in einer ökologischen Gesamtsicht Vorteile hat. Es braucht – ob in 5 oder 25 Jahren – etwas, was danach kommt. Und um das zu erkennen, sind Visionen dringend notwendig. Es geht um die Art und Weise und das Tempo, wie Veränderung gestaltet wird. Wohlbemerkt: Eine Veränderung (gute Luft, kein Ruß, gestoppter Klimawandel, …), die ein Großteil der Anspruchsgruppen der Autohersteller möchte bzw. zunehmend fordern wird. Und deshalb ist hier zuzustimmen: „Das Autokartell ist Ausdruck eines negierten Technologiewandels und eines latenten Management- und Mentalitätsproblems der deutschen Volkswirtschaft insgesamt.“ (2) Und hier: „Der Dieselgipfel ist ein Fanal mangelnder Digitalität des Landes. Ein Symbol des Unvermögens, den Wert der Erneuerung gegenüber dem der Verbesserung zu erkennen.“ (3)

Was hat dies mit Erfolg und Anstand zu tun? Die Leitidee „Erfolg mit Anstand“ soll keine inkrementelle Innovation, also die Verbesserung des Bestehenden sein, sondern sie ist disruptiv, „also die Erneuerung durch einen Bruch mit bestehenden Konzepten“. (3) Unternehmensverantwortung nicht mehr als immer bessere CSR in immer dickeren und schöneren Berichten verpackt, sondern die Erkenntnis: Wirtschaftlicher Erfolg geht nicht ohne Anstand und Anstand ist eine Frage der Organisationsentwicklung, also der Verbindlichkeit der Unternehmenskultur. Übrigens: Trotz aller schönen Unternehmenskennzahlen verzeichnet die Welt der Industrieländer das niedrigste Produktivitätswachstum der letzten 60 Jahre. Vier Thesen werden zur Erklärung ins Felde geführt: Zwei davon adressieren die Anspruchsgruppen (Lieferanten und MitarbeiterInnen), eine These lautet schlicht: „Die Ideen fehlen.“ (4)

Eine neue Vision, was das zukünftige „Made in Germany“ ausmachen könnte, wäre nicht schlecht – und zwar branchenübergreifend. Was Visionen ermöglichen, zeigt sich täglich in Kalifornien: Während deutsche Autohersteller zum Dieselgipfel müssen, stellte Tesla sein neues Modell vor: „Statt mit der Zukunft zu werben, müssen die deutschen Firmen die Vergangenheit bewältigen.“ (5)

Natürlich kann man sich Zusammenhänge zurechtbiegen, möglicherweise voreilige Schlüsse ziehen, und der Niedergang der – am Automobil hängenden – deutschen Volkswirtschaft ist noch nicht wissenschaftlich bewiesen. Dennoch mehren sich die Anzeichen dafür, dass vielleicht wieder mehr Visionen gefragt sein könnten: „Er (Elon Musk – GG) mag zwar hin und wieder über das Ziel hinausschießen. Doch dafür hat er womöglich genau das, was den deutschen Herstellern zurzeit fehlt: eine Vision.“ (5)

(1) „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ … eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage, ZEIT-Magazin vom 04.03.2010, http://www.zeit.de/2010/10/Fragen-an-Helmut-Schmidt/seite-4 (Zugriff am 08.08.2017, Registrierung nötig)

(2) Henning Vöpel, HWWI-Standpunkt vom 01.08.2017: Die deutsche Vermögensillusion: Von industriellen Kartellen und digitalen Monopolen, http://www.hwwi.org/publikationen/hwwi-standpunkt-einzelansicht/die-deutsche-vermoegensillusion-von-industriellen-kartellen-und-digitalen-monopolen.html?no_cache=1 (Zugriff am 08.08.2017)

(3) Sascha Lobo, Diesel-Gipfel: Deutschland, das Gelobte Land des Dinglichen, Spiegel-Online vom 02.08.2017, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/diesel-gipfel-deutschland-das-gelobte-land-des-dinglichen-kolumne-a-1161001.html (Zugriff am 08.08.2017)

(4) Wachstum ohne Biss: Warum Ökonomen den Wohlstand bedroht sehen, Der Standard vom 06.08.2017, http://derstandard.at/2000062278916/Wachstum-ohne-Biss-Warum-der-Wohlstand-bedroht-ist (Zugriff am 08.08.2017)

(5) Tesla: Elon Musk lehrt den Großen das Fürchten, FAZ vom 06.08.2017, http://www.faz.net/-gqe-90gne (Zugriff am 08.08.2017)

Leicht angepasste Version aus dem Blog www.erfolgmitanstand.de, zuerst erschienen am 15.08.2017.

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