Allgemein, Erfolg mit Anstand

Erfolg mit Anstand: Definitionsversuch 1

Für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens gibt es zahlreiche Kennziffern. Nehmen diese Kennziffern einen bestimmten Wert an, hat das Unternehmen erfolgreich gewirtschaftet. Über Erfolgskennziffern kann man trefflich hinsichtlich ihrer Höhe streiten (siehe Ackermanns Eigenkapitalrentabilität, die eigentlich nur die Verschuldung der Deutschen Bank verschleiern sollte (1)). Auch Wirkung (im zehnten Jahr in Folge die Kosten gesenkt!?) oder auch Stabilität von Kennziffern (der erste Verlust in der 100jährigen Unternehmensgeschichte) ist interpretierbar. Am Ende ist nur wichtig: Wirtschaftlicher Erfolg ist das positive Ergebnis der Bemühung eines Unternehmens, am Markt zu überleben. Eine Unternehmung kommt deshalb nicht an der Tatsache vorbei, dass mittelfristig die Einnahmen größer als die Ausgaben sein sollten.

Unternehmerischer Anstand, wie jeder Anstand, leitet sich von informellen, sozialen Normen ab: Das tut man nicht, es verstößt gegen die guten Sitten … so könnte unanständiges Benehmen definiert werden. Informelle Regeln in Verbindung mit sozialen Sanktionsmechanismen sind sehr wirkungsvoll, solange Regelverstöße entdeckt und bestraft werden (können). Die 500-jährige Tradition des Ehrbaren Kaufmanns zeigt, wie lange in der Gesellschaft schon um unternehmerischen Anstand gerungen wird. In einer durch und durch formalisierten und regulierten Welt sollten Sanktionen ebenfalls ihre Wirkung entfalten können. Dies insbesondere vor dem Hintergrund der „neuen“ Macht der Anspruchsgruppen über soziale Medien. Allerdings wird nicht nur gegen „weiche Anstandsregeln“ verstoßen (wie CSR-Richtlinien-Umsetzungsgesetz, Deutscher Corporate Governance Kodex, ISO 26000, etc.). Auch gegen klare Richtlinien und Gesetze gibt es Verstöße. Dies fällt aber in den Bereich der Wirtschaftskriminalität und ist nicht lediglich fehlendes schickliches Benehmen.

Folgende drei Beispiele zeigen das tägliche Problem unternehmerischen Anstands: Gegen welche Regeln verstößt eine Führungskraft, wenn sie zwar legal, aber nicht legitim handelt (Bsp. Cum/Ex-Geschäfte)? Ist es unanständig, als UnternehmerIn eine gegebene Jobgarantie einzuhalten, aber dafür Ausfuhrbeschränkungen nach Russland unterlaufen zu müssen? Wie viel Lösungskompetenz für ein ethisches Dilemma kann man von einem Motorsteuerungssoftware-Ingenieur erwarten? Kann die/der EigentümerIn eines Unternehmens gescholten werden, wenn sie/er nicht über alle Vorgänge Bescheid weiß? Es gibt hier – anders als dies Führungskräfte gewohnt sind – keine klare Richtlinien und bisweilen keine vollständigen Informationen, nach denen zu managen wäre. Auch Compliance als Überwachung gesetzeskonformen Verhaltens hilft hier nicht weiter (siehe Cum/Ex-Geschäfte – solange sie noch legal waren (2) oder „Abgasschummelei“, wenn ein Rechtsgutachten gesetzeskonformes Handeln bescheinigt).

Die prä-säkularisierte Welt „erledigte“ Anstand durch die Verhaltensregeln der Religion. In unserer heutigen, privaten Welt lernen wir Anstand anfangs durch Erziehung, später durch Feedback unserer sozialen Kontakte. Ein Teil dieses privaten Anstands können wir -erstens – auch in der Arbeitswelt anwenden. Es bedarf aber – zweitens – einer Weiterentwicklung dieser Werteorientierung und entsprechender Rahmenbedingungen (für die die Religion nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht). Drittens: Im Elternhaus gehen wir davon aus, dass unser schickliches Benehmen nicht kritisiert wird. Als Führungskraft könnte aber dies passieren: „Das ist zwar nicht ganz im Sinne des Ehrbaren Kaufmanns, aber die wirtschaftliche Situation erfordert es.“ Wenn dieser Fall eintritt, wäre es gut, Rahmenbedingungen für konsequenten Anstand und eine Definition von Anstand zu haben, um dieses Dilemma lösen zu können. Schön gesagt – und nun? Die Rahmenbedingungen definieren sich durch die Wert(e)orientierung der Führungskräfte und durch den Raum, die Wert(e)orientierung im Unternehmen leben zu können, also die Organisationsführung. Der inhaltliche Abstand zwischen Wert(e)orientierung und Organisationsführung sollte möglichst gering sein. Individuelle Wert(e)orientierung und Organisationsführung werden idealerweise durch formale Anstandsregeln ergänzt. Allerdings: Wenn unternehmerischer Anstand nicht gemessen werden kann, kann er nur schwer als formale Regel kodifiziert werden.

Wirtschaftlicher Erfolg ist messbar, sonst könnte Erfolg nicht das „Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung“ sein. Welche betriebswirtschaftlichen Kennziffern in welcher Ausprägung Erfolg bedeuten, definieren zunehmend die Anspruchsgruppen einer Unternehmung. Auch bei unternehmerischem Anstand wird das legitime Interesse der Anspruchsgruppen zu mehr und neuen Indikatoren und einer Quantifizierung führen. Spätestens, wenn im Controlling nicht nur Erfolg, sondern auch Anstand gesteuert werden kann, lassen sich die wirklich ehrbaren und sich schicklich benehmenden Unternehmen benennen.

(1) Ackermanns gefährliche 25 Prozent, FAZ vom 02.07.2013, http://www.faz.net/-gv6-7adOn (Zugriff am 07.04.2017)

(2) Dr. Christoph Knauer und Sören Schomburg, Wirtschaftskrimi Cum/Ex-Geschäfte: Wenn die Verfassung die Steuer überholt. In: Legal Tribune Online, 12.04.2017, http://www.lto.de/persistent/a_id/22650/ (abgerufen am: 13.04.2017)

Leicht gekürzte Fassung aus dem Blog www.erfolgmitanstand.de, zuerst erschienen am 22.05.2017.

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